Neujahrsempfang „Der Islam in Deutschland“

„Der Islam in Deutschland“

 Nurhan Soykan vom Zentralrat der Muslime referierte bei FDP-Neujahrsempfang

„Information ist wichtig, um Vorurteile durch Urteile zu ersetzen“. Dies hob Robert Blum, Vorstandsmitglied des FDP-Ortsverbands Wiesloch-Südliche Bergstraße, beim Neujahrsempfang der Freien Demokraten im vollbesetzten Wieslocher Kulturhaus  hervor. Auf gemeinsame Einladung dieses Ortsverbands und des Kreisverbands Rhein-Neckar der Freien Demokraten sprach die stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Nurkan Soykan, über „Der Islam in Deutschland“. Mit ihrem Vortrag wollte sie den Besuchern nahebringen, wie Muslime in unserem Staat denken und was deren Hauptanliegen sind.

v.l. Kreisvorsitzender Alexander Kohl, Wieslocher Stadtrat Bernd Lang, Bundestagskandidat Dr. Jens Brandenburg, Rauenberger Stadtrat Jürgen Abt (alle FDP), stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Muslime Nurhan Soykan, Ortsvorsitzender Rüdiger Haas, Vorstandsmitglied Robert Blum (beide FDP), Wieslocher Bürgermeister Ludwig Sauer, stellvertretende Ortsvorsitzende Nina-Fleur Klingler (FDP).

Soykan kritisierte, dass für ihre Organisation die Anerkennung  als Körperschaft des öffentlichen Rechts fehle, um islamischen Religionsunterricht anbieten zu können und somit einer Radikalisierung junger Muslime durch Extremisten über das Internet entgegenzuwirken. „Der Zentralrat der Muslime ist multiethnisch und multikonfessionell“, erklärte sie unter Hinweis auf die vertretenen Glaubensrichtungen und die Mitglieder aus verschiedenen Ländern. Die Organisation habe sich für eine Integration der in den letzten Monaten und Jahren nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge eingesetzt durch Einladungen zum Fastenbrechen im Ramadan, durch Patenschaften und andere Maßnahmen. Der Zentralrat unterstütze Hilfsmaßnahmen beispielsweise für Somalia, Niger und den Sudan. Er leiste einen interreligiösen Dialog und organisiere Pilgerfahrten nach Mekka. Auch wenn den vier muslimischen Dachorganisationen in Deutschland nur eine deutliche Minderheit der Muslime angehöre, betrieben diese Verbände doch vier Fünftel der 2.800 deutschen Moscheen und erreichten somit die große Mehrheit der Anhänger dieser Religion. Weiter erklärte die stellvertretende Vorsitzende: „Wir stehen auf dem Boden des Grundgesetzes“. Der Zentralrat der Muslime halte sich daran, strittige Fragen nur auf dem Rechtsweg zu klären.

„Integration kann man am besten erreichen, indem man Bildung fördert“, konstatierte Nurhan Soykan. Sie selbst ist nach ihrem Jurastudium als Rechtsanwältin tätig und fühle sich als Bürgerin Deutschlands, wohin sie im Alter von drei Jahren aus der Türkei gekommen sei. Doch leider gebe es für eine große Zahl muslimischer Kinder und minderjähriger Flüchtlinge noch keine Chancengleichheit. Diese sei nötig, um das Wir-Gefühl zu stärken. Die Referentin forderte, den Islam als Teil Deutschlands zu akzeptieren. Sie verurteilte Gewalttaten gleichgültig von welcher Seite, machte aber darauf aufmerksam, dass es in Deutschland neben 1.100 Islamisten ganze 7.600 Linksextremisten und sogar eine weit größere Anzahl von 10.500 Rechtsextremisten gebe. Die Gefahr eines Erstarkens des Rechtspopulismus bereite ihr Sorge.

Die Zuhörer teilten zwar viele, aber nicht alle Blickwinkel und Argumente Nurhan Soykans. In der an den Vortrag anschließenden regen Diskussion äußerten Besucher Kritik an der Forderung nach einem Kommunalwahlrecht für Muslime ohne deutsche Staatsbürgerschaft, und an ihrer umfassenden Ablehnung eines Kopftuchverbots unter Berufung auf die Religionsfreiheit.

Vor Soykans Vortrag hatte FDP-Ortsverbandsvorsitzender Rüdiger Haas die Besucher willkommen geheißen. In seinem Jahresrückblick erinnerte er an das großartige Ergebnis im hiesigen Wahlkreis bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Der FDP-Ortschef sprach dem örtlichen „Netzwerk Asyl“ seine hohe Anerkennung für deren Einsatz für Flüchtlinge aus. Herausforderungen für die Kommunalpolitik sah er in der Stadtentwicklungsplanung bei Gewerbe und bei Wohnraum, im Stadtmarketing und in der sehr kritischen finanziellen Lage der Gemeinde. Haas hob den Einsatz und das konstruktive Wirken der freidemokratischen Stadträte Bernd Lang in Wiesloch und Jürgen Abt in Rauenberg hervor. Große Sorge bereite ihm, dass durch die Globalisierung die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander gehe. Dies sei Nährboden dafür, dass Bürger die Mitte verlassen und sich linken oder rechten Extremen zuwenden. „Ich wünsche mir, dass sowohl Politik als auch Wirtschaft sich wieder vermehrt auf ihre Vorbildfunktion besinnen, damit Ehrlichkeit, Moral und Verantwortungsbewusstsein wieder Werte sind“, erklärte Haas abschließend.

Der Leiter des FDP-Kreisverbands Rhein-Neckar, Alexander Kohl, zeigte sich eingedenk der vielen Kirchenaustritte besorgt, dass in das entstehende Werte-Vakuum populistische Strömungen eindringen könnten und wollten. Er warnte davor, dass bei derzeit 91 Milliarden Euro Bundeszuschuss an die Rentenkasse diese Ausgaben alsbald ein Drittel des Bundeshaushalts ausmachen würden. Die hohen Staatsschulden würden sich bei wieder steigenden Zinsen zu einem großen Problem entwickeln. Im Bundestag sei die nur in der FDP zu findende liberale Stimme wieder nötig. Weiter sei eine europäische Zusammenarbeit unabdingbar. „Europa ist unsere Zukunft – wir haben keine andere!“, zitierte Kohl den verstorbenen Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher.

Bürgermeister Ludwig Sauer wies auf Wiesloch als bedeutenden Schul- und Wirtschaftsstandort hin, auch wenn es noch „Luft nach oben“ gebe. Durch die Wohnungseinbruchszahlen werde deutlich, dass die Polizei eine bessere personelle und sachliche Ausstattung brauche. Beim nötigen preiswerten Wohnraum sah Sauer die Stadt auf finanzielle Anreize durch den Bund angewiesen. Wiesloch sei stolz auf das ehrenamtliche Engagement vieler Bürger wie auch auf die  vorhandenen christlichen und muslimischen Glaubensgemeinschaften. Nach den Worten des Bürgermeisters zeige sich an der kürzlich beschlossenen Einrichtung eines muslimischen Grabfelds auf dem Friedhof ein sich wachsendes Heimisch-Fühlen der hiesigen Muslime.

Für die würdige musikalische Umrahmung des Neujahrsempfangs sorgte Ulrike Haas an der Harfe mit Werken von Bernard Andrés.

Leistungsbereitschaft, Toleranz und Weltoffenheit nannte FDP-Bundestagskandidat  Dr. Jens Brandenburg im Grußwort als seine Grundsätze. Er bezeichnete die Digitalisierung als riesige Chance, doch sei Deutschland unter der aktuellen  Großen Koalition dabei gewaltig ins Hintertreffen gegenüber anderen Staaten geraten. Der Bundestagskandidat sprach sich für eine „enkelfitte Rente“ aus, die generationengerecht und nachhaltig finanziert sein müsse. Eine Stärkung der Sicherheit sei erforderlich, dies aber unter der Prämisse einer Wahrung und nicht einer Aufgabe der Freiheit. Dazu brauche es keine neuen Gesetze, sondern dazu seien mehr Polizeikräfte und eine bessere Vernetzung der Sicherheitskräfte in Europa der richtige Weg. Andere Parteien in Deutschland und Europa, so kritisierte der Bundestagskandidat, machten eine Politik mit der Angst. Brandenburg konstatierte: „Wir Freie Demokraten dagegen stehen für eine Politik des Mutes!“

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